Der putzende Millionär

Der putzende Millionär

Man merkt ihm seine schwere Vergangenheit nicht an. Kadim Akca ist ein Sonnyboy, der mit strahlendem Lächeln gute Laune und Herzlichkeit versprüht. In Jeans, weißem Hemd und blauen Turnschuhen empfängt er in seinen geschmackvoll und edel eingerichteten Geschäftsräumen in der Kleinstadt Värnamo in Småland.

Dass er einst obdachlos auf einer Parkbank schlief und als Analphabet nicht nur ein Buch geschrieben hat, sondern auch Millionär geworden ist, erscheint wie ein Märchen. Vor genau 50 Jahren kam er mit 19 Jahren aus der Türkei nach Schweden, mit nichts als einer Reisetasche und fünf Euro. Er schlief mit einem Pulli als Decke wochenlang auf einer Parkbank. „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens“. Doch in seiner höchsten Not erbarmte sich eine Familie seiner und ließ ihn bei sich wohnen. Diese „schwindelerregende Freude, nicht mehr allein zu sein“, spürt Kadim heute noch, „diese Familie hat ohne Gegenleistung viel gegeben.“ Der 69-jährige ist nach wie vor innig mit ihr verbunden.

Die mutige Demut

Die Jobsuche gestaltete sich aufgrund seiner großen Lese- und Rechtschreibschwäche schwierig. „Ich bin zwar fünfzehn Jahre zur Schule gegangen, doch eigentlich waren es nur fünf Jahre, denn ich habe jedes Schuljahr drei Mal wiederholt“. Er hat noch gut in Erinnerung, wie sein Lehrer ihm sagte: „Aus dir wird nie was!“ Doch Kadim ließ sich nicht entmutigen. „Mit Mut und Demut hängt der Kopf noch lange nicht in der Schlinge“. So war er sich nicht zu schade, Putzjobs anzunehmen. Als sein erster Kunde meinte, er habe so schlecht geputzt, dass es dreckiger als vorher sei, gab ihm Kadim Recht, eilte zur Konditorei und schenkte ihm eine Torte als Wiedergutmachung. „Ich habe anfänglich viele Torten verschenkt“, lacht Kadim, der lernen musste, was die Schweden unter Sauberkeit verstehen. Doch mit seinem Motto „Respektiere verärgerte Menschen, sie werden dich weiterempfehlen“ und seinem Fleiß bekam er als Ein-Mann-Unternehmer immer mehr Kunden, so dass er bald eine Putzmaschine auf Kredit kaufen konnte. „Jetzt saß ich einen halben Meter höher statt auf dem Boden rumzukriechen. Ich hatte mich buchstäblich hochgearbeitet“. Und es sollte noch höher gehen. Er wurde so erfolgreich, dass ein paar Jahre später Elektrolux, das renommierte schwedische Unternehmen für Haushaltsgeräte, seine boomende Firma aufkaufte. Mit dem Geld investierte er mit Erfolg in neue Unternehmen. Heute besitzt Kadim ein millionenschweres Reinigungs- und Immobilienunternehmen mit mehreren hundert Angestellten. Er ist zudem ein gefragter Redner an Universitäten, in Banken und Verbänden.

 

Der Schweden-Türke

Seine Lese- und Rechtschreibschwäche hielt ihn auch nicht davon ab, vor zehn Jahren ein Buch zu herauszubringen. Er fand eine Journalistin, die seine Geschichte aufschrieb. „Denke wie ein Türke, wenn du in Schweden Erfolg haben möchtest“ lautet der provokante Titel. Neben seiner Lebensgeschichte gibt er darin Tipps, wie man gewinnbringend ein Geschäft aufbaut. So solle man zuverlässig und nett wie ein Schwede sein, aber frech und opportunistisch wie ein Türke. Kadim spricht nicht akzentfrei, aber fließend Schwedisch und kennt Schwedens Gesellschaft sowie Kultur besser als so mancher Einheimischer. 1975 nahm er die schwedische Staatsangehörigkeit an. „Ich bin froh Türke zu sein, aber sehr froh Schwede zu sein“. Man solle seine Kultur zwar nicht verlieren, aber als Einwanderer müsse man sich anpassen. Kadim redet viel und gerne über sein Leben, kokettiert oft mit seiner Lese- und Rechtschreibschwäche. Doch man hört ihm gerne zu, er erzählt mit viel Witz, Selbstironie und unterhaltsamen Anekdoten. Er wird auch nie müde, immer wieder seine Freundschaft zum schwedischen Königshaus zu erwähnen. So hängen in seinem Büro mehrere Bilder von ihm und den Royals mit denen ihn einige Charity-Events verbinden. Er erinnert sich, wie man ihm vor der Begegnung mit dem schwedischen König eingebläut hatte, ihn nicht zu duzen und bloß nicht anzufassen. Er vergaß beides. „Ich habe ihn wie einen Kumpel mehrfach auf die Schulter geklopft.“ Ohne negative Folgen, wie er betont.

 

Die großzügige Freude

Voller Stolz präsentiert Kadim seinen edlen Weinkeller mit weinroten Ledersesseln. Hier öffnet er in gemütlicher Atmosphäre für seine (Geschäfts-)Freunde gerne mal eine Flasche, die mehrere hundert Euro wert ist. „Es macht so viel Spaß, großzügig zu sein“. So spendet er sämtliche Einnahmen aus seinem Buch für Jungunternehmer und zahlte letztens in einem Selbstbedienungsrestaurant diskret an der Kasse das Essen der Leute, die hinter ihm in der Schlange standen. Er habe sich dann in eine Ecke gesetzt und sich unbändig über die überraschten Gesichter gefreut. Auch seine Familie und Verwandte in der Türkei unterstützt er großzügig. In Bodrum verbringt der Tausendsassa die Sommermonate gerne in seinem 700 Quadratmeter großen Haus. „Doch selbst, wenn man mir diese Stadt und noch -zig Inseln dazu anbieten würde“, möchte er nie wieder zurückkehren, denn er fühlt sich mittlerweile als Ausländer unter den Türken. Über die dortige Politik hält er sich vorsichtig zurück. „Schuster bleibe bei deinem Leisten. Da mische ich mich nicht ein“.

Die Türkenbank

Seine Obdachlosigkeit berührt Kadim heute immer noch. So versiegt sein Redestrom abrupt, als wir zu der Parkbank gehen, auf der er einst verzweifelt nächtigte. Sie wurde letztes Jahr als „Türkenbank“ zu einer der beliebtesten Reiseziele der Schweden erkoren, denn 2012 ließ Kadim sie in eine kunstvolle Wärmebank aus Bronze umwandeln. Mit Hilfe von eingebauten Wärmeschlingen bleibt sie im Winter immer eisfrei und wärmt so die Menschen, die sich dort hinsetzen. Kadim möchte dies als Symbol der Mitmenschlichkeit verstanden wissen. Bei der Einweihung wurde Kadim, der auch als Botschafter der Gemeinde Värnamo tätig ist, für seine „Kreativität, Demut, Großzügigkeit und Sehnsucht nach Integration“ gelobt. Kadim mahnt, dass man sich immer vor Augen halten solle, was für Ressourcen auf Parkbänken schlummern können. „Viele könnten sogar besser und fleißiger sein als ich“. „Man sollte jedem eine zweite Chance geben, denn ignoriert zu werden, ist das Schlimmste was einem Menschen passieren kann“. Er sei seiner schwedischen Frau Yvonne noch heute dankbar, dass sie sich bereits vor seiner Karriere in ihn, einen „ungebildeten, arbeitslosen Türken, der kein Schwedisch sprach“ verliebte. Mit ihr sei er „in einer Ecke des Himmelreiches gelandet“, denn sie sind heute noch glücklich verheiratet und haben eine gemeinsame Tochter. Kadim ist als Einwanderer „nicht an den Dornen des Lebens hängengeblieben“, wie er sagt. Er hat bewiesen, dass aus ihm etwas geworden ist.

 

 

By |2020-05-12T15:58:31+00:00maj 12th, 2020|Journalismus|Kommentarer inaktiverade för Der putzende Millionär

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