Lidö – die Null-Insel

Lidö – die Null-Insel

Auf den ersten Blick sieht die Insel Lidö aus wie die meisten schwedischen Schären-Inseln – viel Wald, bunte Blumenwiesen, jede Menge Klippen, Holzstege und rote Häuschen mit weißen Giebeln und Fensterrahmen. Doch hier ist vieles anders, als es zunächst aussieht.

Lidö im nördlichen Stockholmer Schärengarten mit seinen 30 000 Inseln ist seiner Zeit weit voraus. Ich befinde mich nämlich auf einer „Zero-Island“, einer Null-Insel. Darauf macht eine hölzerne Infotafel an der Anlegestelle der Fähre aufmerksam. Hier auf der knapp drei Quadratkilometer großen Insel, zwanzig Minuten vom Festland entfernt, versucht man, Schwedens ersten fossilfreien Urlaub, den „Zero Vacation“, zu ermöglichen. Innerhalb eines Jahres wurde der CO2-Ausstoß bereits um 78 % reduziert.

Die Zero-Cabin

Wie haben Olle Tejle und Hugo Olofsson, die Pächter von „Lidö Krog und Konferenz“, einem Restaurant mit Übernachtungs- und Konferenzmöglichkeiten, diesen Null-Urlaub ohne einen schädlichen Klima-Fußabdruck geschafft? Als sie Lidö vor neun Jahren das erste Mal betraten, „gab es kein Zurück mehr.“ Beide spürten, dass sie auf dieser idyllischen Insel etwas Größeres starten wollten. Von Anfang an haben sie versucht, nachhaltig zu arbeiten, „doch allein ist das nicht möglich“. Der  Tourismus ist weltweit immerhin für acht Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich. Das Engagement der beiden Pioniere war für das finnische Unternehmen Neste als einem der weltweit größten Anbieter von Diesel aus erneuerbaren Rohstoffen ausschlaggebend, Lidö für ihr Projekt „Zero Islands“ auszuwählen, um die erste bewohnte schwedische Insel frei von jeglichen fossilen Brennstoffen zu schaffen. Olle und Hugo fühlten anfänglich eine „angsterfüllte Freude, denn es geht nicht nur um eine klimafreundliche Anreise, sondern auch, dass alles vor Ort emissionsfrei abläuft“. Seit letztem Jahr arbeiten sie fieberhaft daran, mehrere Maßnahmen umzusetzen. So wurde die klimaneutrale „Zero Cabin“ errichtet. Die Gäste übernachten in einem neun Quadratmeter kleinen Holzhäuschen mit Solarzellen auf dem Dach, eingerichtet mit zwei Betten und einer Mini-Kochgelegenheit. Mehr ist buchstäblich nicht drin. Doch der Aufenthalt auf Lidö spielt sich sowieso im Erleben und Genießen der Natur ab. „Schlaflos auf Lidö“ habe ich meine Nacht hier verbracht, denn die Aussicht aus der Vollglaswand aufs Meer ist grandios. Ich habe das Gefühl, mitten in der Wiese am Meer zu liegen. Ich rücke der Natur hier positiv auf die Pelle. Bisher gibt es nur ein Null-Häuschen, doch Olle und Hugo hoffen auf Sponsoren für weitere „Zero Cabins“. Sie bieten aber auch Zimmer in ihrem feudalen gelben Holz-Landhaus, den Nebengebäuden und in vier kleinen „Sommarstugor“, den typisch roten Ferienhäuschen, an. Hier gestalten die beiden alles so nachhaltig  wie möglich. Überall verhindern spezielle Klima-Gardinen, dass Wärme nach draußen entweicht. Somit werden für die Aufwärmung der Zimmer Energie und Heizkosten gespart. „Das ist eine unserer einfachsten und kostengünstigsten Maßnahmen, aber sehr effektiv.“ Alle Gebäude sind mit Luftwärmepumpen ausgestattet, die der Umwelt Wärme entziehen und der Warmwasseraufbereitung und Beheizung der Räume dienen. Die Solaranlage mitten im Grünen produziert ein Viertel des Stromverbrauchs auf der Insel. ”Um komplett selbstversorgend zu sein, bräuchten wir mehr Solarzellen für etwa 300 000 Euro“, erklärt Olle.

Das Zero-Menu 

Klimaschutz ist in aller Munde, dennoch ist der klimaschädliche Fleischkonsum immer noch hoch. Bis ein Tier als Steak oder Wurst auf unseren Tellern liegt, sind enorme Treibhausemissionen entstanden. Durch die Tierhaltung werden Wälder eigens für die Nutztierhaltung und den Anbau von Tierfutter gerodet. Zudem stoßen Kühe beim Verdauen große Mengen Methangas aus. Hinzu kommen der Transport, die Verpackung, die Lagerhaltung und der Energieverbrauch bei der Zubereitung. Auf all dies nimmt das „Zero Menu“, das auf Lidö kredenzt wird, Rücksicht. „Viele essen heute glutenfrei, vegetarisch oder vegan, doch wer denkt daran, auch fossilfrei zu essen? Genau das wollen wir unseren Gästen nahebringen.“ Dieses Null-Menü, das mit Biogas zubereitet wird, hat buchstäblich seine Wurzeln auf der Insel. Hier landet alles ökologisch und transportfrei direkt von „Jord till bord“, von der heimischen Erde direkt auf den Tisch. Als Hauptspeise gibt es diese Woche Spitzkohl gefüllt mit Zandermus, dazu frittierte Erdartischocke mit Fenchel, Bärlauch, Kartoffeln und selbstgebackenes Brot. Sternekoch Jonas Svensson weiß das „Zero Menu“ geschmackvoll auf dem Teller anzurichten. Mein Auge und Gaumen sind mehr als zufrieden. Um eine Überfischung zu vermeiden, teilt Jonas den Fisch so ein, dass er für fünfzehn statt wie früher für drei Portionen reicht, „Wir gehen vorsichtiger mit unseren Ressourcen um.“ Das Fleisch stammt von Biobauer Micke, der mit seiner Familie auf Lidö wohnt. „Anfänglich waren wir uns nicht besonders grün, er war nicht sehr umgänglich und sehr verhalten”, sagt Olle und lächelt, doch mittlerweile ist das Projekt ohne ihn nicht denkbar.“ Hinter dem Restaurant befindet sich eine hochmoderne Recycling-Anlage. Die Essensreste werden innerhalb von nur 24 Stunden zu Kompost für den Gemüse-, Kartoffel- und Obstanbau verwandelt. Nach all diesen Maßnahmen wird klar: Es ist kein Back-to-the-Basics, nein – Lidö befindet sich auf einer spannenden Zukunftsreise.

Grüne Wanderung

Auf Lidö kann man sein Tempo selber bestimmen. Entweder man lässt auf einem Steg oder einer sonnengewärmten Klippe seine Seele in der Luft, die Beine im Wasser baumeln und lauscht dem glucksenden Geräusch der Wellen. Oder man begibt sich auf eine Entdeckertour rund um die Insel. Auf einem Pfad kann man die autofreie Insel in zwei Stunden umrunden. Er schlängelt sich durch unberührten Wald mit zum Teil 200 Jahre alten knorrigen Bäumen, durch seltene Moosarten, über bunte Blumenwiesen, hin zu zwei kleinen Sandstränden und mehreren Bade-Klippen. An vielen Stellen finde ich Blaubeeren, Himbeeren, die kleinen Walderdbeeren „Smultron“ und Pilze. Überall ist die Stille hörbar. Ab und zu ein Rauschen der Bäume und ein angeregtes Vogelgezwitscher, denn hier tummeln sich viele Vögel, auch seltene Exemplare wie Fischadler, Hühnerhabicht und Seeadler. Nach einer halbstündigen Wanderung erreiche ich auf der nordöstlichen Landzunge der Insel den Kanonenberg. Hier steht eine vergessene Kanone der ehemaligen Verteidigungsanlage aus dem Zweiten Weltkrieg. Heute wird sie als eine von der Sonne gewärmte Sitzgelegenheit zweckentfremdet, um die herrliche kilometerweite Rundum-Aussicht auf die Ostsee zu genießen.

Historische Wurzeln

Lidö blickt auf eine spannende Geschichte zurück. Ursprünglich gab es hier ein stattliches Barock-Schloss, das 1719 von den Russen niedergebrannt wurde. 1769 baute Mathias Holmers auf den Ruinen das heutige Landhaus. Er hatte einst als Knecht auf Lidö gearbeitet, heuerte dann auf ein Schiff nach Asien an, arbeitete sich zum Kapitän hoch, brachte es durch seinen Handel mit China zu großem Reichtum und kehrte dann nach Lidö zurück. Noch heute zeugen an einigen Wänden im Landhaus chinesische Tapeten von Holmers Weltreise. Die rote Windmühle als Wahrzeichen der Insel wurde 1819 erbaut und 2012 komplett renoviert. Bis 1945 gab es auf Lidö Schwedens größte Nerzfarm, mit ihren zwei Kilometer langen Käfigen spricht man sogar von der seinerzeit weltweit größten. Nach Kriegsende wurde Lidö eine Erholungsstätte für erschöpfte Mütter und später auch für Drogenabhängige. 1998 übernahm „Skärgårdsstiftelsen“, die Schärengarten-Stiftung, die Insel. Ihre Aufgabe ist es, die Schäreninseln für den Tourismus zugänglich zu machen, gemäß dem „Allemansrätten“, dem Jedermannsrecht, und dem von uns Schweden unverzichtbaren “Friluftsliv“, dem Freiluftleben, was so viel bedeutet wie ein entspanntes Genießen im Einklang mit der Natur. Doch bei Hunderttausenden von Touristen, die jährlich den Schärengarten besuchen, geht es mittlerweile nicht nur darum, alles sauber zu halten, sondern die Schären-Idylle zu schonen. Da Schweden weltweit das Land mit den meisten Inseln (221 800) ist, soll Lidö als Modell aufzeigen, wie man einen fossilfreien Tourismus erreichen kann, denn Schweden hat das ambitionierte Ziel, bis zum Jahr 2045 nur mit erneuerbaren Energien auszukommen.

Gedanken- und Plastikmüll

Hugo sammelt jeden Abend auf seinen Kontrollgängen nicht nur angeschwemmten Plastikmüll am Strand ein. Er wundert sich auch über die Mülltrennung der Bootsleute, die in den zwei kleinen Häfen ankern. Sie laden ihren Abfall unsortiert in Plastiktüten in der „Sopmaja“, dem roten Holzmüllhäuschen, ab, obwohl für jede Abfallsorte eine Tonne mit dazugehöriger Erklärung bereit steht. Tagtäglich nehmen Hugo und Olle die mühselige Drecksarbeit auf sich und öffnen die vielen Mülltüten, um den Abfall zu sortieren. Bisher mit Engelsgeduld, doch so langsam macht sich ärgerliche Ungeduld breit, „der Müll kommt vom Festland, warum soll er hier bleiben?“ Freie Minuten kennen Hugo und Olle nicht, dennoch wirken sie entspannt, wie zwei kleine Jungs auf einer großen Abenteuerreise. Sie sind sich aber ihrer Verantwortung bewusst. Sie wissen, dass sie im grünen Rampenlicht stehen, dass es von ihrem Erfolg abhängt, ob das Projekt klappt und es Nachahmer geben wird. „Bis wir die 100% Emissionsfreiheit erreicht haben, wird es noch etwas dauern“. Doch ihr Enthusiasmus ist null geschmälert, denn „es kann nicht schlechter, nur besser werden“. Ein ganz persönlicher Traum der beiden ist in diesem Jahr schon zu 100 % in Erfüllung gegangen. Zwanzig „fossilfreie Hochzeiten“ wurden bei ihnen in diesem Sommer gefeiert. Dazu haben sie in einem ehemaligen Eis-Kiosk ein liebevoll ausgestattetes „Kärlekshus“, ein Liebeshäuschen, für die Hochzeitsnacht und am Strand ein lauschiges Plätzchen für die Trauung eingerichtet.

Wenn man Lidö wieder verlassen will, muss man ein verwittertes Schild auf Stopp stellen, sonst lässt einen die Fähre buchstäblich links liegen. Es fällt mir schwer, der Versuchung zu widerstehen, das Schild nicht auf Stopp zu stellen. Hier auf Lidö herrscht eine unaufgeregte und dennoch spannende Atmosphäre. Ich bin um einige Erfahrungen reicher und fahre gretanisierend zurück – ich mache mir wie Umweltaktivistin Greta Thunberg jetzt einen noch größeren Umweltkopf. So habe ich beim Sonnenuntergang, der hier orangerot zur Höchstform aufläuft, meinen Gedankenmüll auf Lidö entleert, aber meine mitgebrachte ausgetrunkene Plastikwasserflasche (und zwei weitere, die jemand achtlos im Wald weggeworfen hat) wieder mit aufs Festland genommen.

Anreise

Mit dem Auto auf der E18  90 Kilometer nördlich von Stockholm nach Norrtälje/Räfsnäs. Kostenpflichtiger Parkplatz in Räfsnäs.

Mit der Fähre von Räfsnäs (20 Minuten) oder Stockholm (3 ½ Stunden) – www.waxholmsbolaget.se

Mit dem Bus Nr. 676 von Stockholm, Umsteigen in Norrtälje in den Bus Nr. 631 nach Räfsnäs.

Übernachten/Service

Zero Cabin/Pension/Wanderherberge/ Ferienhäuschen

Konferenzen mit bis zu 90 Personen

Restaurant (mit Zero-Menü)

Kajaks und Ruderboote

Alles buchbar unter

www.lidovardshus.se

info@lidovardshus.se

+ 46 176 40499

By |2020-05-12T16:07:15+00:00Dezember 9th, 2019|Journalismus|0 Comments

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