Die weltweit schweißtreibendste Kunstroute

Die weltweit schweißtreibendste Kunstroute

Nur selten sind Kunst und Natur so eng miteinander verbunden wie auf der Insel Tjörn. Sie liegt etwa eine Autostunde nördlich von Göteborg und ist über eine imposante Schrägseilbrücke zu erreichen. Daher lag es nahe, „Världens svettigaste  Konstrunda“, die „weltweit schweißtreibendste Kunstroute“, ins Leben zu rufen, die sich inzwischen zum Mekka für Kunst- und Sportinteressierte entwickelt hat und von den Einheimischen liebevoll „Svettis“ genannt wird.

Ob mit Fahrrad oder zu Fuß, die zwölf Kilometer lange Strecke führt durch eine der schönsten Natur- und Kulturlandschaften Schwedens. Ausgangspunkt des Parcours ist das weltberühmte „Nordische Aquarellmuseum“ im Fischerort Skärhamn. In dem vor zwanzig Jahren im Wasser und auf Stelzen erbauten Gebäude läuft man sich auf mehreren Hundert Quadratmetern in Sachen Kunst warm. Zudem kann man den dort ausgestellten internationalen zeitgenössischen Aquarell-Künstlern nacheifern und sich an mehreren Malplätzen künstlerisch austoben. Danach geht es im Freien durch Skärhamn am großen Hafen vorbei. Im Juli landet man hier im Trubel des alljährlichen Holzbootfestivals mit maritimem Kunstmarkt. Eine Musikkapelle begleitet das Spektakel und lädt dazu ein, sportlich das Tanzbein zu schwingen. Wer möchte, läuft auf den Stegen vorbei an Hunderten von Schiffen und beteiligt sich per Stimmzettel an der Wahl des schönsten Holzbootes. Nachdem man im Ort an weißen, roten und gelben Häusern vorbeigelaufen, steile Gassen emporgestiegen und über Felsen geklettert ist, geht es weiter auf Blumenwiesen entlang der Küste, durch Kiefernwälder, Hügellandschaften, über Klippen und lange Stege bis zum Skulpturengelände „Pilane“, das als einer der zehn besten seiner Art in Europa zählt.

Kunst zum Anfassen und Erklettern

Hier auf einem Gräberfeld aus der Eisenzeit befinden sich unter freiem Himmel neben kultischen Steinsetzungen viele moderne Skulpturen namhafter internationaler Künstler.„Pilane“ ist kein Park mit angelegten Wegen, sondern ein weitläufiges hügeliges Gelände, wo man sich auf unbefestigten Pfaden und inmitten weidender Schafe frei zwischen alten Natursteinen und Kunstwerken bewegen kann. Festes Schuhwerk und Kondition sind erforderlich, denn einige Skulpturen befinden sich in luftiger Höhe. So auch das Highlight von „Pilane“, das knapp zwei Millionen Euro teure, zwanzig Tonnen schwere und vierzehn Meter hohe Kunstwerk „Anna“ des spanischen Künstlers Jaume Plensa. Als eines der größten Kunstwerke der Welt thront es weithin sichtbar auf einem Berg. Sitzt man unter diesem gigantischen weißen Frauenkopf aus Marmor und Glasfiber, macht sich ein tiefes Gefühl der Ruhe und Gelassenheit breit. „Pilane“-Initiator Peter Lennby hat sämtliche Skulpturen ganz bewusst nach allen Regeln der Kunst an bestimmten Orten aufgestellt. Auf einer Karte ist verzeichnet, in welcher Reihenfolge man sich die Kunstwerke erlaufen sollte, „um eine Steigerung des Kunstgenusses und Erlebnisses zu haben“. Es ist auf dieser Entdeckungsreise erlaubt, ja sogar erwünscht, die Skulpturen in „Pilane“ anzufassen. So lassen sich die Figuren „Weeping Girls“ (Weinende Mädchen) der Engländerin Laura Ford, die alleine auf einem Felsen sitzen oder traurig an einem Baum lehnen, tröstend streicheln. Hat man einen Aussichtsplatz hoch auf einem Berghügel erklommen, lädt dort „The Bat“ (Die Fledermaus) des belgischen Künstlers Johan Creten ein, auf einer im Kunstwerk eingebauten Treppe zu den Flügeln emporzusteigen, um einmal wie Nils Holgersson über die Landschaft zu fliegen. Die Kunst unter freiem Himmel verleiht der Phantasie Flügel.

Sprung zu den Nachbarinseln

Wer die schweißtreibende Kunstroute zwischen dem „Nordischen Aquarellmuseum“ und „Pilane“ verlängern möchte, kann dies auf weiteren Wanderwegen auf der knapp 170 Quadratkilometer großen Insel Tjörn tun. Lohnenswert ist der Weg zum Ort Rönnäng acht Kilometer südlich von Skärhamn, denn hier gibt es den schönsten Aussichtsplatz der Insel, den man durch dichtes Gestrüpp und über teilweise steile Klippen, in die Treppen eingebaut sind, erreicht. Hier bietet sich ein meilenweiter Blick auf die Schärenwelt im Skagerrak. Es lohnt sich auch, bei den kleinen Nachbarinseln, mit denen Tjörn durch kurze Brücken oder Fähren verbunden ist, auf einen Sprung vorbeizuschauen. Auf der idyllischen Insel Klädesholmen wandert man inmitten von bunten Häusern, die sich wie Puppenstuben aneinanderreihen. Aufgrund der zahlreichen ehemaligen Fischkonserven-Fabriken ist sie auch als Insel des Herings bekannt. Hier wird immer im Juni „Sillens dag“, der Heringstag, gefeiert, ein Volksfest bei dem der Hering des Jahres gekürt wird. Sehenswert ist ebenfalls das kleine mit viel Liebe eingerichtete Heringsmuseum „Sillebua“, das die Fischzubereitung von 1860 bis heute dokumentiert. Auch auf der autofreien Mini-Insel Åstol mit seiner bekannten Fischräucherei und der Insel Dyrön mit einem ausgewiesenen fünf Kilometer langen Wanderweg lässt sich die Route beliebig erweitern. Mit dem Schärengarten als Kulisse, der bergigen Landschaft in salziger Meeresluft, einer malerischen Aussicht und Kunsterlebnissen bietet diese „weltweit schweißtreibendste Kunstroute“ eine einzigartige Kombination von Kunst- und Fitness für sowohl Ungeübte als auch Profis. Sie ist Balsam für Seele und Körper.

By |2020-06-23T15:52:38+00:00Juni 23rd, 2020|Journalismus|Kommentare deaktiviert für Die weltweit schweißtreibendste Kunstroute

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