Die nordischen Nationalhymnen

Die nordischen Nationalhymnen

Nationalhymnen sind die Visitenkarte eines Landes. Sie gehören neben Flaggen und Wappen zu den klassischen Symbolen einer Nation. Es sind Lieder, die seit Generationen gesungen werden. Doch was zeichnet speziell die nordischen Nationalhymnen aus und wie sind sie entstanden?

Schweden – Vom Volkslied zur Hymne

Die Schweden besingen in ihrer Nationalhymne die Liebe zur schönen Natur ihres Landes („Du alter, du freier, du gebirgiger Norden“). Sie sei sogar so schön, dass es nur eine mögliche Konsequenz geben könne: „Ja, ich will leben, ich will sterben im Norden“. Es wird aber auch die Wehmut vergangener Tage besungen, als Schweden noch mächtig war („Du thronst auf Erinnerungen großer, vergangener Tage, da dein Name geehrt durch die Welt flog“). Hier wird an die schwedisch-norwegische Union (1814-1905) erinnert, als der schwedische König auch Oberhaupt in Norwegen war. Eine Besonderheit der Hymne ist, dass das eigene Land nicht explizit erwähnt wird. Die Rede ist stets vom “Norden”, denn der Dichter Richard Dybeck, der den Text zu der Melodie eines alten Volksliedes verfasste, schrieb ihn 1844 während der Zeit des Skandinavismus‘, als die Politik die Vereinigung der nordischen Länder anstrebte. Als die Union aufgelöst wurde, kamen zwei weitere zu den bisherigen zwei Strophen dazu, in der „Schweden“ zwar erwähnt wird, doch sie werden nicht gesungen und gehören nicht offiziell zur Hymne. National gesinnte Schweden, insbesondere die Rechtspopulisten, haben etliche Vorschläge gemacht, um das Lied schwedischer zu gestalten, doch das Original blieb erhalten, denn der Begriff Norden wird heute mit Schweden gleichgesetzt. Den Schweden ist es zudem wichtig, dass das ehemalige Volkslied patriotisch, aber nicht national gesinnt ist. Eine weitere Besonderheit der schwedischen Nationalhymne ist, dass sie nie offiziell vom Riksdagen, dem schwedischen Parlament, dazu erklärt worden ist, obwohl sie bei Staatsbesuchen, internationalen Sportveranstaltungen und am 6. Juni, dem Nationalfeiertag, dem Tag der Fahne (Flaggans dag), gespielt wird. Den inoffiziellen Rang einer Nationalhymne bekam das Volkslied, als König Oscar II. sich bei der Darbietung des Liedes 1893 beim Applaudieren begeistert von seinem Sitz erhob, spätestens jedoch als der schwedische Rundfunk von 1938 bis 1962 täglich sein Programm mit dem Abspielen dieses Liedes beendete. Es gab viele Anträge, der Nationalhymne Verfassungsrang zu verleihen, doch sie sind vom schwedischen Reichstag abgelehnt worden. Das Lied sei eine Tradition und so in der schwedischen Kultur verankert, dass kein offizieller politischer Beschluss nötig sei. Neben der Landeshymne verfügt Schweden auch über den „Kungssången“, der Königshymne (Text von Carl Wilhelm August Strandberg / Musik von Otto Lindblad), die in Gegenwart des Monarchen gespielt wird, unter anderem bei der Verleihung der Nobelpreise durch das schwedische Staatsoberhaupt.

 

Dänemark – eine der ältesten Hymnen der Welt

Die Dänen haben zwei gleichberechtigte Nationalhymen, das bürgerliche  Vaterlandslied (Fædrelandssang) und die Königshymne (Kongesang), die zu den  ältesten Monarchenhymnen der Welt gehört. Bei zivilen Anlässen ist es im Gegensatz zu den anderen Ländern den Veranstaltern frei gestellt, welches Lied sie singen wollen, doch es wird meistens das Vaterlandslied gespielt. Die Königshymne wird bei Flottenbesuchen oder Militärsportveranstaltungen angestimmt und wenn Mitglieder der Königsfamilie oder Vertreter der Regierung in offizieller Mission anwesend sind. Mit diesem Lied wird ehrfurchtsvoll des einstigen heldenhaften Monarchen („König Christian stand am hohen Mast in Rauch und Qualm…“) gedacht, der in einer Seeschlacht 1644 gegen die Schweden siegte, doch dabei ein Auge verlor. Dichter Johannes Ewald schrieb den Text 1779, die heutige Melodie wurde vom dänisch-deutschen Komponisten Friedrich Kuhlau 1917 überarbeitet, der als Kind bei einem Unfall auch ein Auge verloren hatte. Die bürgerliche Hymne verfasste 1819 der Dichter Adam Gottlob Oehlenschläger, der als Begründer der dänischen Romantik gilt. Er gewann damit den Wettbewerb um ein neues Nationallied. Komponist Hans Ernst Krøyer vertonte es 1835. Im Gegensatz zu Königshymne wirkt es weniger kämpferisch, denn hier werden mit Inbrunst die Naturschönheiten des Landes („Es gibt ein liebliches Land, das liegt mit breiten Buchen nah am salz’gen Ostseestrand…“) beschrieben. Diese Bürgerhymne wird auch am 5. Juni, dem Nationalfeiertag, der auch gleichzeitig Vatertag ist, neben vielen anderen Liedern gesungen, denn an diesem besagten Datum ersetzte König Frederik VII. 1849 das absolutistische Königsgesetz durch die konstitutionelle Monarchie. Der Tag wird daher auch Grundlovsdag, Tag des Grundgesetzes, genannt.

                                                                                                   

Norwegen – Hymne für Erwachsene und Kinder

„Ja, wir lieben dieses Land, wie es aufsteigt, zerfurcht und wettergegerbt aus dem Wasser…“. Mit dieser Liebeserklärung beginnen die Norweger ihre Nationalhymne, in der sie ihrer rauen und schönen Natur huldigen. Sie besingen aber auch in der siebten Strophe mit Stolz ihren einstigen Unabhängigkeitskampf gegen Schweden im 19. Jahrhundert: „Wie der Kampf unserer Väter erhob es von Not zu Sieg…“. Bjørnstjerne Bjørnson, der 1903 als erster Norweger den Literaturnobelpreis erhielt, verfasste 1859 den Text, sein Vetter Rikard Nordraak schrieb die Melodie dazu. In der Regel werden nur die erste, siebte und achte Strophe der Hymne gespielt. Erstmals öffentlich gesungen wurde das Lied anlässlich des fünfzigjährigen Verfassungsjubiläums 1864 und galt von da an als Nationalhymne. Doch wie in Schweden war sie nicht offiziell als solche von der Regierung dazu erklärt worden. Erst als die Rechtspopulisten in den letzten Jahren darauf drängten, wurde 2019 der formelle Beschluss im Stortinget, dem Parlament, gefasst. Gesungen wird die Hymne auch am 17. Mai, dem Nationalfeiertag, der ebenfalls Kindertag (Barnas dag) genannt wird, denn an diesem Tag ziehen auf Bjørnsons Initiative von 1870 Kinderparaden mit schwenkenden Fahnen durch die Stadt, bei der die Kleinen ihre eigene Hymne schmettern: „Vi ere en Nation vi med” (Wir sind auch eine Nation). Wie die anderen nordischen Monarchien hat Norwegen auch eine Königshymne, die bei Anwesenheit des Staatsoberhauptes gespielt wird und deren heutige Version von Gustav Jensen stammt. Er schrieb sie 1906 zur Krönung von König Haakon VII. und war dabei von der britischen Königs- und NationalhymneGod Save the Queen“ inspiriert.

 

Finnland – eine Hymne in zwei Sprachen

Der Text der finnischen Nationalhymne basiert ursprünglich auf Heldenballaden des Dichters Johan Ludvig Runeberg im Jahr 1846. Er handelt vom Kampf Finnlands gegen die lang andauernde russische Vorherrschaft im 19. Jahrhundert. Runeberg, der als ein konservativer, gemäßigter Nationalist gilt, wollte bei den Finnen patriotische Gefühle wachrufen. So fingen die Finnen damals an, mit den Worten „O Heimat, Heimat, unser Land. Kling laut, du teures Wort“ ihr Nationalbewusstsein zu zeigen und würdigen noch heute an ihrem Nationalfeiertag, dem Unabhängigkeitstag (Itsenäisyyspäivä), am 6. Dezember ihre teuer erkämpfte Autonomie im Jahr 1917. An diesem Tag finden sowohl ein Fackelzug als auch eine Soldatenparade statt. Zudem werden traditionell in den Fenstern blau-weiße Kerzen angezündet. Doch die Finnen rühmen in ihrem klingenden Staatssymbol auch die Natur des Landes: „Kein Land mit Berg und Tal und Strand wird mehr geliebt als unser Nord“. Die finnische Nationalhymne mit dem Titel „Unser Land“ existiert in zwei Sprachen. Ursprünglich wurde das Lied auf Schwedisch geschrieben, denn jahrhundertelang galt Schwedisch als die vorherrschende Sprache, vor allem in den höher gebildeten Schichten. Erst 1878 wurde die finnische Sprache der schwedischen gleichgestellt. Im heutigen Finnland wird Schwedisch nur von etwa sechs Prozent der Einwohner gesprochen. So singt der Großteil der finnischen Bevölkerung die “Maamme“ während die schwedische Minderheit „Vårt land“ singt. Die Melodie im Dreivierteltakt stammt vom gebürtigen Hamburger Fredrik Pacius, der das Lied erstmals 1848 aufführte. Die Melodie wird auch für die Nationalhymne von Estland mit einem ähnlichen Text verwendet. Wegen dieser Teilung der Hymne mit einem anderen Land und der deutschen Herkunft des Komponisten Pacius wird immer wieder in Finnland darüber diskutiert, ob nicht ein komplett finnisches Lied zur Nationalhymne erkoren werden sollte. Dass bisher nichts geändert wurde, zeugt von der festen Verbundenheit mit traditionellen Symbolen.

Als Gemeinsamkeit dieser nordischen Nationalhymnen fällt auf, dass sie alle eine hohe Wertschätzung der Natur zeigen und der Wert der Freiheit und der Einheit des Landes betont wird.

By |2020-05-14T17:08:24+00:00Mai 12th, 2020|Journalismus|Kommentare deaktiviert für Die nordischen Nationalhymnen

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