Comics in Schweden

Comics in Schweden

Schwedische Comic-Autorinnen und ihre Heldinnen stehen international für die größten kommerziellen Comic-Erfolge der letzten Zeit. Die Nordischen Botschaften in Berlin widmeten ihnen jüngst sogar eine Ausstellung.

Von Superhelden über Entenfamilien bis hin zu wehrhaften Galliern – Comics werden von den meisten Lesern mit lustiger Unterhaltung assoziiert. Doch schwedische Comics sind oft alles andere als lustig. Ihre Figuren mit den Texten in den Sprechblasen sind provokant und politisch. Inhaltlich reicht die Bandbreite von Alltagsgeschichten über Feminismus bis hin zu brisanten politischen Themen. Liv Strömquist zählt mit ihren weiblichen Comic-Figuren zu den einflussreichsten feministischen Stimmen Schwedens. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Bestsellerautorin, deren Bücher in sechzehn Sprachen übersetzt wurden, erzählt in ihrem Buch „Every Woman“ Lebensgeschichten bekannter Frauen (wie Whitney Houston oder Priscilla Presley), die von ihren Männern ausgenutzt oder misshandelt wurden. Dabei erstellt sie mit schwarzem Humor eine Liste der ihrer Meinung nach „miesesten Liebhaber der Welt“. Dieser Humor zeigt sich auch in Strömquists Buch „Der Ursprung der Welt”, der für einen Skandalerfolg sorgte. Hier nimmt sich die 41-Jährige kein Blatt vor den Mund bzw. die Vulva, das weibliche Geschlechtsorgan. Sie klärt über seine Geschichte auf – von der Bibel bis Freud, vom unbeholfenen Biologieunterricht bis hin zur aktuellen Tamponwerbung. Dabei fungieren großformatige Vulven ohne Scham als Sprechblasen. In diesen Tagen ist ihr Buch „Ich fühl’s nicht“ auf den Markt gekommen, in dem sie mit tiefsinnigem Humor der Frage nachgeht, wo die Liebe in unserer heutigen Welt abgeblieben ist.

Autobiografische Comic-Figuren

Comic-Zeichner/innen wird häufig ihre mangelnde Objektivität vorgeworfen. Doch sie legen bewusst Wert auf die subjektive Schilderung von Fakten. So macht Strömquist keinen Hehl daraus, dass sie selber von Männern schmerzhaft betrogen wurde. Auch die Polin Daria Bogdanski beschreibt in ihrem Buch „Von unten“ (Wage Slaves) ihre eigenen Erlebnisse bei der Schwarzarbeit in der schwedischen Gastronomie. Die 30-Jährige kam 2013 nach Schweden und erzählt mittels ihrer autobiografischen Comic-Figur emotional und in starken Schwarz-Weiß-Kontrasten, wie sie von ihrem Chef ausgebeutet wurde und wie sie sich erfolgreich zur Wehr setzte. „Ich stehe stellvertretend für alle Migranten, die unsicher in einem für sie fremden Land ankommen und sich nach einem neuen Zuhause sehnen.“ So lässt Bogdanski ihre Heldin vor Selbstbewusstsein strotzen, um ihren Leserinnen Mut zu machen, es ihr gleichzutun. In ihrem Comic „Family Living – Die ungeschönte Wahrheit“ gibt auch Lotta Sjöberg Autobiografisches preis. Die 45-Jährige ist verheiratet, hat drei Töchter und einen Hund. Mit viel Witz und Selbstironie zeichnet sie einen Mann beim Zähneputzen, eine Frau auf der Toilette und zwischen ihnen ein Gewusel aus Kindern, Hund, Spielzeug und einem Wäscheberg. Über dem Bild steht: „Übrigens spielt es keine Rolle, wie viele Zimmer man hat – da sowieso alle immer im selben sind“. Sjöberg begreift ihren Comic als „Anti-Buch“ gegen all die perfekten Bilder und Fotos, die einem aus den Frauen- und Einrichtungsmagazinen entgegenblitzen.

 

 

 

Bunte Vielfalt

Schwedische Comics sprechen einen weitaus breiteren Leserkreis an und stoßen auf eine größere Akzeptanz als es in anderen europäischen Ländern der Fall ist. Die schwedische Comic-Szene hat viele Einflüsse von außen aufgenommen und so ihre spezielle Eigenart mit einer großen und bunten Vielfalt im Hinblick auf Zeichenstile und Erzählformen entwickelt. Manche Comic-Autor/innen orientieren sich an japanischen Mangas, andere sind eher traditionell oder haben sich von amerikanischen Action-Comics mit ihren Superhelden inspirieren lassen, mal mit knalligen Farben, mal in Schwarz-Weiß. Natalia Batista gehört zu den wenigen Frauen, die im japanischen Manga-Stil zeichnen. In ihrer dreiteiligen Comic-Reihe „Sword Princess Amaltea“ stellt sie dabei das klassische Rollenbild auf den Kopf. Ihre Frauen sind das dominante Geschlecht, und so kämpft eine Prinzessin um einen Prinzen, der sie gar nicht heiraten will. Für ihre Geschichten wurde die 33-Jährige Schwedin, die an der Comic-Schule in Malmö Manga-Storytelling unterrichtet, mit dem Preis der Nordischen Schulbibliothek für Kinder und Jugend ausgezeichnet. Auch Nanna Johansson verdreht in ihrem gerade erschienenen Buch „Natürliche Schönheit“ die Geschlechterrollen. Die 33-Jährige kritisiert nicht nur mit bissigem Humor den ständigen Selbstoptimierungswahn, sondern prangert auch die sexuelle Belästigung von Männern an. In einem „Gespräch, das so nie stattgefunden hat” unterhalten sich zwei Männer darüber, wie sehr es sie stört, dass sie beim Online-Dating ständig von fremden Frauen Intimbilder geschickt bekommen: „Meine ganze Inbox quillt über vor lauter Muschibildern. Beim nächsten Klitoris-Close-up, das ich geschickt bekomme, lösche ich meinen Account wirklich“.

 

Bleibende Bilder im Kopf

Neben den vielen schwedischen Comic-Künstlerinnen gibt es auch einige erfolgreiche männliche Autoren. So erhielt Fabian Göransson für sein aktuelles Buch „Drömmen om Europa“ (Der Traum von Europa) vom 1966 gegründeten schwedischen Comic-Verband „Seriefrämjandet“, den „Urhunden“, Schwedens bekanntesten Preis für den besten Comic. Sein Buch ist eine Kombination aus einem monatelangen Reisetagebuch und politischer Reportage über ein Europa in der Krise. In seiner schwarz-weißen-blauen gezeichneten Geschichte beschreibt der 41-Jährige mit viel absurdem Humor Europa als einen Kontinent mit mehr Geschichte als Zukunft. Sein männlicher Kollege Kalle Johansson versucht zusammen mit Historikerin Lena Berggren in seinem Sachbuch-Comic „Was ist eigentlich Faschismus?“ über dieses politisch hochaktuelle Thema verständlich aufzuklären. Kritiker loben dieses Buch, dessen Übersetzung auch von der Bundeszentrale für politische Bildung finanziell unterstützt wurde und als Unterrichtsmaterial an Schulen verwendet wird, als „pädagogisch wertvoll“.

Schwedische Comic-Künstler/innen beherrschen die Kunst, große Tragik mit schwarzem, tiefsinnigem oder selbstironischem Humor gekonnt zu verknüpfen sowie Tabus schamlos zu brechen. Die schmerzerfüllten oder wütenden Gesichter ihrer Figuren sagen oft mehr aus als Worte, sie sind unbehaglich treffsicher und bleiben stärker im Kopf hängen als Texte.

By |2020-05-12T16:04:10+00:00März 12th, 2020|Journalismus|Kommentare deaktiviert für Comics in Schweden

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