100 Jahre Frauenwahlrecht

100 Jahre Frauenwahlrecht

Frauen seien zu unreif, ihre weiten ausladenden Röcke hätten kein Platz in den engen Gängen des schwedischen Reichstages – um Argumente waren die Herren der Schöpfung nicht verlegen, wenn es darum ging, Frauen das Wahlrecht und die Teilhabe am politischen Geschehen im Parlament zu verwehren. So verwunderte es nicht, dass 1884 und 1912 solche Anträge abgelehnt wurden. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wurde in Schweden 1902 ein Verband gegründet, der sich ausschließlich für das politische Frauenwahlrecht einsetzte. Sechs Frauen aus der oberen Mittelschicht trauten sich, das männliche Establishment in Frage zu stellen. Bald hatte der Verband mehr als 17 000 Mitglieder, Frauen jeglicher politischer Couleur und Klasse kämpften gemeinsam mutig für ihr Wahlrecht. Sie initiierten zwei Unterschriftensammlungen mit mehr als einer halben Million Unterschriften. Auch die berühmte Schriftstellerin Selma Lagerlöf, die später 1934 die schwedische liberale Partei mitgegründete, engagierte sich in dieser Angelegenheit, denn dass ihr als weltbekannte Nobelpreisträgerin elementare staatsbürgerliche Rechte verweigert wurden, war höchst brisant. Die schwedischen Frauenrechtlerinnen wollten jedoch nicht mit den damaligen englischen Suffragetten in einen Topf geworfen werden, sie waren ihnen zu militant. Sie empfanden den Begriff zudem als Schimpfwort. Als Autorin Frida Stéenhoff 1905 den Begriff Feminismus als Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in Schweden einführte, bezeichneten sich die Frauenrechtlerinnen als Feministinnen. 1918 gingen Tausende von ihnen in Göteborg auf die Straße, um für ein Frauenwahlrecht zu demonstrieren. Diese Demonstration gilt als legendär, denn sie bewirkte, dass der schwedische Reichstag 1919 unter einer liberal-sozialdemokratischen Regierung als letztes skandinavisches Land das Frauenwahlrecht gesetzlich verankerte. 1921 konnten die Frauen dann das erste Mal zur Wahlurne gehen. Obwohl dieser organisierte Kampf für das Frauenwahlrecht in Schweden erst ein halbes Jahrhundert später als in vielen anderen Ländern anfing und vergleichsweise auch kürzer dauerte, ist Schweden heute Vorreiter, was die Gleichstellung von Mann und Frau angeht. So sind im schwedischen Reichstag fast die Hälfte der Abgeordneten Frauen. In Deutschland sind dagegen – trotz einer weiblichen Bundeskanzlerin – nur etwas mehr als 30 Prozent der Bundestagsmitglieder weiblich. In dem nordischen Land findet man zudem doppelt so viele Frauen im Top Management von börsennotierten Unternehmen als in Deutschland. Und das, obwohl keine gesetzliche Frauenquote besteht. Das geht aus einer Studie der deutsch-schwedischen AllBright-Stiftung, die sich für mehr Frauen in Führungspositionen einsetzt, hervor. Nach dem Global Gender Gap Report, der die Gleichstellung der Frauen weltweit untersucht, belegte Schweden 2018 nach Island und Norwegen den dritten Platz, Deutschland folgte auf Platz 14. So wundert es nicht – so das saloppe Resümee der AllBright-Geschäftsführer – dass es in Schweden weitaus mehr weibliche Baggerführer und männliche Kita-Erzieher gibt als in Deutschland.

By |2019-09-24T10:40:48+00:00September 24th, 2019|Journalismus|0 Comments

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